INTERVIEW


Steiner
Oliver Steiner
Geschäftsführer

Wie bist Du auf das Thema Plastik gekommen?

Meine Frau arbeitet als Ärztin mit Krebspatienten. Irgendwann im Jahr 2007 sprach sie einmal davon, dass Ihre Patientinnen mit Brustkrebs immer jünger werden und manchmal keine erblichen Faktoren vorliegen würden. Als ich dann einen Artikel über erste Studien zu den Auswirkungen des hormonell wirksamen Weichmachers Bisphenol A gelesen habe, begann ich mich mit dem Thema zu beschäftigen.

Als Kiter und Wellenreiter ist mir in diesen Jahren auch der zunehmende Plastikmüll in den Meeren aufgefallen. Seitdem nervt er mich. Der Film Plastic Planet gab dann im Jahr 2008/2009 weitere Motivation, mich in meiner Freizeit mehr mit dem Thema zu beschäftigen und auch aktiv Informationen als Blogger und Aktivist unter Plasticontrol im Internet bereit zu stellen.

Im Jahr 2013 habe ich dann mit einigen meiner Unterstützern den Verein Plasticontrol gegründet. Der Verein arbeitet rein ehrenamtlich und finanziert unsere Arbeit bisher eigenständig und mit Spenden. Im Schwerpunkt stelle ich Informationen bereit, versuche Einfluss auf die Politik zu nehmen, Unternehmen zu bewegen und einzelne Aktionen durchzuführen.

Wo würdest Du Dich als Aktivist einordnen?

Eher als lösungsorientiert als fundamentalistisch. Plastik ist eine globale Realität und insbesondere, solange es noch genug Erdöl gibt, dass die Grundlage der absoluten Menge an Plastik darstellt, werden wir diesen Stoff als Realität hinnehmen müssen und innerhalb dieser Situation eine Lösung suchen. Gemeinsam mit Unternehmen, Politik und Verbrauchern. Gelegentlich müssen aber auch fundamentalistische Positionen her, insbesondere wenn Lobbyverbände das Probleme mit Plastik vollkommen abstreiten und die Politik willfährig folgt.

Wie siehst Du die Entwicklung des Themas “Probleme durch Plastik” in den letzten Jahren?

2008 und 2009 musste ich mir meine Informationen aus der medizinischen Fachpresse zum Thema Weichmacher und aus internationalen Foren zum Thema Plastik im Meer holen. Nach dem Jahr 2010 kamen die Themen stärker in die allgemeine Presse, Seit 2012 gibt es eine regelmäßige Artikel und Sendungen auf breiter Front. Das ist super so und ich hoffe ein wenig dazu beigetragen zu haben. Ansonsten gibt es immer mehr Forschung und Informationen zu den beiden Themenkomplexen Plastik im Meer und den Auswirkungen von Plastikgiften. Dies ist sicherlich eine Wechselwirkung mit der erhöhten öffentlichen Wahrnehmung. Und natürlich dem Bewusstsein, dass hier eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit vorliegt.

Auch die Wechselwirkung zwischen Plastikverschmutzung und Problemen mit Weichmachern wird immer transparenter. Der Fisch frisst im Meer ein Plastikteilchen. Das darin enthaltene Bisphenol A lagert sich in seinem Gewebe an und gelangt am Ende als Lachsgratin auf den Teller des Menschen. Um es einmal etwas verkürzt darzustellen.

Wo gibt es den größten Handlungsbedarf?

Sicherlich in der globalen Komponente. Es ist sehr wichtig, in Deutschland und Europa Plastikvermeidung zu realisieren. Die Umsetzung der MARPOL-Vorschriften muss von der Bundesregierung und EU durchgesetzt werden. So wird vermieden, dass Plastikmüll von Schiffen in das Meer entsorgt wird. Auch ein Verbot von Plastiktüten und Mikroplastik in Kosmetik und- Körperpflegeprodukten muss zwingend durchgesetzt werden. Ebenso muss industrielles Mikroplastik reduziert werden. Deutschland muss den Schwellen- und Entwicklungsländern im Aufbau von effektiven Recycling unterstützen. Es darf nur noch Bioplastik im Verpackungen und Tüten eingesetzt werden, dass sich sehr schnell im Meer zersetzt – auch wenn die Forschung hier noch in den Kinderschuhen steckt. Plastiktüten sollten verboten werden oder mit hohen Abgaben versehen werden, Zudem muss die Bundesregierung sich als internationaler “Treiber” der Themen positionieren – in der UN und EU.. Zu den meisten Themen haben wir Petitionen beim Deutschen Bundestag und der EU eingegeben. Letztendlich sind auch die Unternehmen in der Pflicht, weniger Plastikverpackungen anzubieten und zunehmend auf Bioplastik zu setzen. Möglichst aus komplett biologisch abbaubaren Rohstoffen. Wobei die notwendigen Anbauflächen auch immer für die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrung benötigt werden. Somit werden wir auch mit Verzicht leben müssen. Hier kommt der Verbraucher ins Spiel. Er muss bewusst auf Plastik verzichten. Insbesondere Plastiktüten und Produkte mit Mikroplastik oder Plastikverpackungen.

Wichtig ist eine globale Vernetzung gegen ein globales Problem. Leider sehe ich manchmal geradezu einen Wettbewerb zwischen den einzelnen Umweltorganisationen zum Thema. Und eine extreme Lobbyarbeit der Kunststoffindustrie.

Was bereitet Dir besondere Bedenken?

Die Dynamik und unfassbare Nachhaltigkeit des Problems. Jedes Jahr landen fast sieben Millionen zusätzliche Tonnen Plastikmüll in unseren Meeren, geschätzte 140 Millionen Tonnen schwimmen schon dort. Es zählt jeder Tag, da täglich die Plastikflut in unseren Meeren zunimmt und der Abbau des Plastik bis zu 400 Jahre dauert.. Was wir heute in das Meer einbringen, wird nachfolgende Generationen noch viele Jahrhunderte beschäftigen. Auch die zunehmende Belastung der Bevölkerung mit Weichmachern und den dadurch ausgelösten Krankheiten sollten nicht unterschätzt werden. Mittlerweile gibt es Studien zur Verursachung von Krebs, Diabetes, Hyperaktivität, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Zahnveränderungen und anderen Krankheiten durch Bisphenol A.

Wie viel Plastik gibt es in deinem Alltag?

Viel zu viel. Ich bin kein radikaler Übermensch, der völlig ohne Plastik lebt. Aber ich schaue im Alltag genau hin. So Kaufe ich zum Beispiel Salat immer ohne Plastikverpackung, ich nehme immer eine Stofftüte mit zum Einkaufen .Beim Coffee to Go nehme ich keinen Plastikdeckel. Seitdem ich weiß, dass Fleecekleidung bei jedem Waschgang tausende Plastikpartikel freigeben, die am Ende im Meer landen und von den Tieren dort für Plankton gehalten werden, würde ich mir keine Fleecekleidung mehr kaufen. Ich denke schon, dass man als Verbraucher Zeichen setzen und konkret etwas bewirken kann.

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